14. Oktober 2007

A. Gerlach, Schäfermeisterin

Braunfels-Philippstein (Hessen)

 

Mein Mann und ich besitzen eine Herde von ca. 460 Mutterschafen
(30 Suffolk, 20 Rhönschafe,10 Fuchsschafe,400 Merinolandschafe),die das ganze Jahr in Hütehaltung gehalten werden. Von der Blauzungenseuche haben wir bereits 2006 gehört. Wir wußten, dass sie da war, dass Betriebe davon betroffen waren, aber sie war weit weg.

Im Dezember 2006 wurde ein Rind 12 km von uns positiv mit Antikörpern getestet und damit waren wir im Sperrgebiet. Im August 2007 auf einmal spitzte sich die Lage zu. Ein Kollege (ca.50 km entfernt) hatte das Veterinäramt verständigt weil er Verdacht von BT in seiner Herde hatte. Wir belächelten ihn, aber uns sollte das Lachen noch gründlich vergehen. Am 14.August hatten wir ein Merinoschaf mit einer dicken,sabbernden Unterlippe und ein Suffolk mit Verdacht auf Lungenentzündung starb alleine beim umsetzen. Das Merinoschaf blieb dann mittags stehen und wurde erst am nächsten Tag wieder gefunden. Wir sprachen das erste mal von BT Verdacht und sahen das alles noch nicht so dramatisch. Das Schaf kam in die Koppel und lebt noch bis heute. Eine Woche später am 21. August hatten wir morgens in der Herde drei kranke Schafe mit leicht geschwollenen Köpfen, Schleimausfluß und Lahmheit sowie in der Koppel mit den abgelammten Schafen(37 Schafe mit Zwillingen geboren vom 01.07-10.08.2007) auch drei. Davon verendete eins zwei Tage später und wurde dann in Gießen untersucht. Auch die bis dahin erkrankten Tiere wurden blutuntersucht und das Ergebnis war schnell klar: BT.
Von da an nahm das Grauen seinen Lauf.Jeden Tag neu erkrankte Tiere, jeden Tag tote Tiere. Hilflos und fassungslos mußten wir mit ansehen wie eins nach dem anderen erkrankte, die Köpfe schwollen an , die Tiere konnten nicht mehr fressen, saufen und erstickten fast an ihrem Schleim. Trotz dem Spritzen von Medikamenten (Terramycin LA+Levamisol und Metapyrin) starben die Schafe wie die Fliegen. Besonders betroffen waren die Zwillingsschafe die auch in Koppeln am Wasser gelegen hatten. Hier verendeten in kurzer Zeit von 37 Mutterschafen 15 Stück. Die erkrankten Suffolkschafe zeigten wenig Anzeichen (Speichelfluß und Lahmheit), starben aber ganz schnell oder hatten nach einigen Tagen steife Gelenke. Rhön- und Fuchsschafe hatten auch geringe Anzeichen, überstanden die Krankheit aber ziemlich gut. Nur die Merinoschafe bekamen nach kürzester Zeit geschwollene Köpfe, verschleimten total und starben. Die Tiere erstickten beim Versuch zu fressen, bei der Eingabe von Wasser oder abschleimenden Medikamenten und Anstrengung konnten sie überhaupt nicht vertragen. Das Krankheitsbild hat sich in den acht Wochen immer wieder etwas verändert. Momentan haben wir immer noch neue kranke, aber sie überstehen BT ganz gut, die Überlebensrate steigt, aber es sind auch immer noch tote dabei. Wir haben bis heute 71 Schafe und 15 Lämmer verloren und es ist noch nicht vorbei. Unsere Überlebensrate ist ungefähr 50/50. Seit ca. 3 Wochen habe ich keine Medikamente mehr verabreicht und komme damit gut zurecht.
Die Schafe bekommen Apfeltrester, Heu, Fertigfutter, Wasser und
Mineralfutter.

Ein Teil unserer Böcke war auch erkrankt, sie decken jetzt wieder, aber die Frage bleibt, ob sie auch befruchten können. Notgetötet werden mußten 3 Suffolklämmer welche die Krankheit bereits überstanden hatten, aber an den Spätfolgen unerträglich litten (Ausschuhen der Klauen und dicke offene Gelenke) sowie 3 Merinoschafe die über mehrere Tage kein Futter und Wasser mehr aufnehmen konnten und jämmerlich dahin vegetierten.

Wir wurden alle von dieser Seuche überrollt und stehen hilflos dabei. Der Telefonaustausch mit anderen betroffenen Kollegen war/ist sehr gut und wichtig. Erfahrungen, Informationen und auch Trost oder Beistand halfen uns hier schon etwas weiter.

Die Veterinärämter hatten in jedem Kreis andere Verordnungen und Aussagen. Keiner wußte richtig Bescheid,Verordnungen änderten sich täglich, nur wir Betroffenen erfuhren es immer zuletzt. Hatten wir uns an eine Anordnung gehalten, war diese am nächsten Tag schon wieder verkehrt.

Beim ersten Besuch des Veterinäramtes zur Feststellung von BT auf unserem Betrieb, fiel einer Mitarbeiterin auf, das unser Hundezwinger für zwei Hunde zu klein war und ein angebundener Hund die Kette zu kurz hatte, aber das 40 erkrankte Schafe da standen , war ihr ganz egal. Die Hundeverordnung wurde uns übereicht mit der Aufforderung die Mängel zu beseitigen.


Unser Herdengesundheitsdienst, die Tierklink Dr. Seelig stand uns immer mit Rat, Tat, Informationen und fachlicher Hilfe zur Seite auch in Bezug auf Pressearbeit und Terminen mit Politikern. Ein besonderer Dank hierfür, auch wenn die Medikamentengabe nicht den gewünschten Erfolg hatten. Als finanzielle Hilfe wurden uns Kredite angeboten, die wir aber hoffentlich nicht in Anspruch nehmen müssen.

Termine mit Presse, Fernsehen, Schafzuchtverband und Politikern wurden wargenommen in der Hoffnung, dass sie uns in Bezug auf eine Impfung weiterhelfen.

Unsere toten Schafe haben zwar abgenommen und wir hoffen auf kälteres Wetter um BT einzudämmen und die Gnitzen am stechen zu hindern , aber was kommt nächstes Jahr (dieses ist noch nicht vorbei und ausgestanden)? Laut Prognosen soll es jedes Jahr stärker werden, was sich ja bereits in den Betrieben aus NRW gezeigt hat, die bereits letztes Jahr betroffen waren.Kommt eine Impfung rechtzeitig, zeigt sie auch die gewünschte Wirkung und können wir sie auch bezahlen? Die Tierseuchenkassen gewähren uns Härtebeihilfen für die toten Schafe die nach verschiedenen Kriterien errechnet werden. Im gleichen Atemzug werden die Tierseuchenbeiträge für nächstes Jahr aber drastisch erhöht, so das wir die Härtebeihilfe doch am besten gleich da lassen, wir zahlen sie eh wieder zurück.

Für diese Seuche können wir nichts. Wir haben sie nicht verursacht aber wir müssen dafür bluten und unsere Existenzen sind bedroht.

Die letzten Jahre haben wir so viele Verordnungen (Arzneimittel-,Futterhygiene-,Transport-,Cross Complience usw.) erhalten und mußten immer wieder schlucken und zustimmen oder kämpfen, aber jetzt geht es an das wofür wir leben und arbeiten.

Hierbei sterben unserer Tiere!!!

Wir haben weder Sonn- noch Feiertag geschweige denn Urlaub oder Feierabend, wir arbeiten für unsere Schafe, aber für die Politik sind wir nur ein ganz kleines Licht. Keiner nimmt unsere Belange ernst. Wie sagte ein Sprecher der BILD Zeizung:"Solange BT für den Menschen nicht schädlich ist interessiert das niemand, tote Tiere haben wir genug in den Nachrichten." Für BT Ausfälle und auch Impfungen müsste es vom Staat oder der EU finanzielle Hilfen geben sonst gehen etliche Existenzen zu Grunde. Mit was sollen wir diese Ausfälle noch auffangen? Programme der Länder laufen aus oder werden gekürzt, was schon genug finanzielle Einbußen für die Betriebe bedeutet. Entschädigungen für die hohen erfolglosen Insektizidbehandlungen oder Behandlungen bei BT müsste es geben. Hier wurde viel zu lange geschlafen, keiner kann/konnte hiermit richtig umgehen, es fehlt an jeglichen Informationen über Behandlungmöglichkeiten, Krankheitsverlauf, Impfungen usw.
Gerüchte und Spekulationen gibt es genug, aber die Fakten fehlen. Es hat nicht jeder ein Internet und ist damit so bewandet das er sich Informationen daraus besorgen kann. Auch müßten die noch nicht betroffenen Schafhalter bereits jetzt aufgeklärt und über die Krankheit informiert werden. Wir haben es hier mit einer Seuche zu tun. Ich glaube nicht, dass es etwas ähnliches hier schon einmal gegeben hat. Wir hätten ganz anders mit der Situation umgehen können wären wir besser informiert gewesen, obwohl wir es vielleicht auch nicht geglaubt hätten. Aber heute gibt es genug betroffenen Betriebe und eine rasende Ausbreitung, so dass man weiter informieren kann.

Hoffentlich wird nicht alles über Winter wieder totgeschwiegen und im Frühjahr erfolgt eine erneute rasende Ausbreitung. Wenn ich könnte, würde ich die Uhr ein Jahr vorstellen. Vielleicht wissen wir nächstes Jahr, ob die Impfung da ist und auch erfolgreich, wieviel Schafe uns noch geblieben sind und ob es sich überhaupt noch lohnt weiter zu machen. Im Moment fragen wir uns jeden Tag;Wieviele kranke und tot Schafe sind es heute wieder? Der Gang zur Herde oder in den Stall fällt jedesmal schwer und es ist noch keine Aussicht auf ein Ende. Freunde,Bekannte,Verwandte und auch nicht betroffene Kollegen fragen immer wieder ungläubig:"Habt ihr das immer noch?"


Auch die Spätfolgen sind zu beachten, die ersten Schafe haben schon verlammt und waren nicht alle sichtbar an BT erkrankt, einige beginnen die Klauen zu verlieren oder verlieren die Wolle. Bleiben die erkrankten Schafe trächtig, gibt es dann normale Lämmer oder Mißbildungen? Die Milchleistung erkrankter Tiere geht drastisch zurück aus unserer Herbstlammung haben wir etliche verwaiste Lämmer die teilweise mit der Flasche aufgezogen werden mußten. Letzte Woche hat ein Schaf gelammt (Drillinge) was an BT erkrankt war aber die Krankheit überstanden hatte. Die drei Lämmer haben gelebt, das Schaf hatte aber keinen tropfen Milch mehr. Nach Flaschengabe starben zwei der Lämmer bereits am nächsten Tag und das dritte verendete an seinem 5.Lebenstag an den sichtbaren Symtptomen von BT. Es kann also eigentlich nur von der Mutter infiziert worden sein, da es im Stall geboren wurde und dann sofort bis zu seinem Tod im Haus gehalten wurde.